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Mehr Sitzplätze bitte!

Update 10.08.2020: Einzelsitzsysteme hinzugefügt

So schön die selbst ausgebauten Vans auch sind, die sich zu Hauf auf Instagram tummeln und inzwischen auch zum Verkauf angeboten werden, für Familien haben sie oft einen entschiedenen Nachteil: 

Es fehlen die zugelassenen Sitzplätze!

Mit einem ähnlichen Problem dürften all jene zu kämpfen haben, die sich ihr Wohnmobil komplett selbst ausbauen möchten oder aber ein so altes Fahrzeug fahren, dass Sicherheitsgurte schlicht keine Pflicht waren.

 

Gurtpflicht besteht in Deutschland für alle Mitreisenden bereits seit 1976. Doch lange Zeit gab es noch Ausnahmen: Quer zur Fahrrichtung konnte noch bis in die 1990er ungesichert gereist werden, Gurte für rückfährtsfahrende Gäste sind gar erst seit 2004 Pflicht.

 

Zum Glück ist inzwischen der Markt für Nachrüstlösungen für Sicherheitsgurte gar nicht mehr so klein und ich möchte euch verschiedene Systeme vorstellen, die (richtig montiert) auch den Segen von eurem TÜV-Prüfer bekommen. So lassen sich dann alle Familienmitglieder nicht nur sicher sondern auch hochoffiziell bewegen.

In diesem Artikel soll nur eine Auswahl betrachtet werden.

 

Eines haben leider fast alle Lösungen gemein: Eine ISO-Fix Befestigung für Kindersitze ist aktuell nicht erhältlich. Wie ihr eure Kinder trotzdem sicher durch die Welt chauffiert ist Thema eines weiteren Blogartikels, der noch im Februar erscheinen wird (Newsletter!).

 

Eines Vorweg:

Am Ende hat der TÜV-Prüfer immer das letzte Wort! Er ist es, der im Fall der Fälle den Kopf für die Abnahme hinhält und an ihm führt nun mal kein Weg vorbei. Besprecht deshalb im Vorfeld euer Vorhaben! Das ist in der Regel kostenlos bei vielen TÜV-Stationen möglich. Oder aber, wenn ihr den Einbau nicht selber durchführt, vereinbart schriftlich mit der beauftragten Werkstatt, dass sie auch die Abnahme durchführen wird. Denn die hier vorgestellten Systeme haben zwar eine Bauartgenehmigung und können grundsätzlich als zusätzliche Sitzplätze eingetragen werden. Kleinste Abweichungen bei der Montage oder im Fahrzeugmodell können jedoch zu einem NEIN beim Prüfer führen.

Sollte euch das trotz guter Vorbereitung passiert sein, kann es durchaus Sinn machen, euer Glück bei einem anderen Prüfer zu versuchen. Denn etwas Entscheidungsspielraum ist fast immer vorhanden.

 

Eine wunderbare rechtliche Zusammenfassung was wann für welche Fahrzeuge unter welchen Umständen erlaubt und gefordert ist, liefert dankenswerter Weise der TÜV selbst. Lest am Besten hier:

https://www.tuev-nord.de/de/privatkunden/ratgeber-und-tipps/tuning-anbau-umbau/wohnmobil-tuning/.

Einzige Info die meiner Meinung nach dort noch fehlt: Euer Auto braucht genügend "Gewichtsreserve". Pro Platz, der eingetragen werden soll, werden 75 kg veranschlagt. Wenn ihr also schon am Limit eures zulässigen Gesamtgewichts seid, wird es schwierig.

 

 

Prizipiell gibt es vier verschiende Lösungswege um zu zugelassenen Sitzplätzen zu kommen:

 

1. Komplettbänke aus einem anderen Fahrzeug

2. Gurtböcke (für die Selbermacher)

3. "Universelle" Klappsitzbänke

4. Einzelsitzsysteme

 

1. Komplettbänke

Wenn ihr einfach nur Sitzplätze braucht, könnt ihr euch nach passenden Bänken (idealerweise komplett mit Sicherheitsgurt) aus anderen Fahrzeugmodellen umsehen. Zum Beispiel der Mercedes Vito bietet Systeme, die relativ einfach verbaut werden können. Aber Achtung: Diese Bänke haben in euren Autos nicht per se eine Zulassung nur weil sie im Vito eine haben! Besprecht im Vorfeld ganz genau mit eurem Prüfer ob ihr die Bank verbauen dürft und wenn dann wo. Wahrscheinlich wird er euch sehr genaue Vorgaben machen, an welchen Punkten sie wie zu montieren und welches Material zu benutzen ist. Haltet euch besser dran um keine bösen Überraschungen zu erleben.

In machen Fahrzeugen kann es aber auch ungleich einfacher sein: So sind unter Umständen die serienmäßigen Befestigungspunkte bereits vorhanden um die Original-Bänke zu montieren. Oft ist dies im VW Bus so.

 

2. Gurtböcke (für die Selbermacher)

Wenn ihr maximal flexibel sein wollt um vielleicht sogar die Sitzplätze in eine Schlafgelegenheit umzuwandeln oder aber alles andere nicht passt, könnt ihr auf Gurtböcke zurückgreifen. Dies sind geprüfte(!)  Metallgestelle, die nicht viel mehr bieten als Sicherheitsgurte und eine sichere Verbindung zum Fahrzeugchassis. Ich möchte euch drei Modelle vorstellen, die allesamt mit einem TÜV-Gutachten für verschiedene Autos geliefert werden. Für die Montage sind in der Regel die vorgegebenen Fixpunkte zu benutzen. Einfach drauf los bauen geht also auch hier nicht, in Absprache mit dem TÜV-Prüfer kann aber unter Umständen etwas abgewichen werden. 

Modell 1 von Sportscraft gibt es aktuell in einer Breite von 880 mm oder 990 mm. Der ganz große Vorteil liegt in seiner Kastenform. Damit wird der Stauraum der fertigen Sitzbank maximiert weil keine Mittelabstützung wie bei anderen Modellen benötigt wird und auch die Umbauung zur fertigen Sitzgelegenheit ist relativ einfach. Allerdings ist das Gewicht mit 40 kg ziemlich hoch der Gurtbock darf nur in Fahrtrichtung montiert werden.

 

Zu beziehen z.B. hier:

 https://www.campingwagner.de/product_info.php/info/p15416_Sportscraft-Gurtbock--Breite-880mm.html  

Modell 2 von VSR-Systeme ist das einzige mit bekannte mit Zulassung für die Montage entgegen der Fahrtrichtung. Leider kommt es nicht ohne eine Mittelabstützung aus, die den Stauraum teilt und auch erheblich reduziert. Das Gewicht liegt bei etwa 25 kg. Die eigentliche Sitzgelegenheit muss komplett selbst gefertigt werden. Beachtet dazu bitte auch den unteren Link.

 

Weitere Informationen direkt beim Hersteller:  https://www.vsr-systeme.de/index.php?id=rueckhaltesystem_typ_s  Der hat seinen Sitz übrigens im schönen Bamberg und nimmt auch die Einbauten inkl. TÜV-Abnhame vor.


 

Modell 3 kommt vom italienischen Ausrüster Aguti und wird serienmäßig in sehr vielen Wohnmobilen verbaut.Für Aguti sprechen vor allem ein günstiger Preis und das geringe Gewicht. Für alle gängigen Chassis sind Adaptionen verfügbar, das System ist in verschiedenen Ausführungen erhältlich. Ausbauer können sogar eine Slide-Out-Variante beziehen mit der die Sitzplätze auseinander gezogen werden können.Für Aguti sprechen vor allem ein günstiger Preis und das geringe Gewicht. Für alle gängigen Chassis sind Adaptionen verfügbar, das System ist in verschiedenen Ausführungen erhältlich. Ausbau er können sogar eine Slide-Out-Variante beziehen mit der die Sitzplätze auseinander gezogen werden können.
Die Montage entgegen der Fahrtrichtung ist leider nicht zulässig.
Hier noch der Link zum Hersteller:
https://www.aguti.com/sitzsysteme/gurtgestelle-baenke/gurtgestell-g2000-asbc/


3. Klappsitzbänke

 

Zum Abschluss möchte ich euch noch ein System vorstellen, das in VW Bussen schon fast sowas wie ein Klassiker ist. Es geht um die Klappsitzbank!
Tagsüber eine bequeme Sitzbank mit zwei sicheren Dreipunktgurten, verwandelt sie sich abends mit wenigen Handgriffen in ein Bett.
Dieses System besticht durch einige wichtige Vorteile: Es wird ein komplettes Möbelstück geliefert, an dem außer der Montage nicht mehr viel gebastelt werden muss. Klappbänke gibt es sowohl fahrzeugspezifisch als auch Universal, die dann in fast jedes Basisfahrzeug eingebaut werden können (wie immer gilt: TÜV- und Herstellervorgaben unbedingt beachten).
Soviel Bequemlichkeit hat allerdings auch seinen Preis. Das gilt sowohl finanziell als auch was die Integration angeht. Bei den oben erwähnten Gurtböcken habt ihr immer die Möglichkeit die Sitzgelegenheiten an eure Planungen anzupassen.
Bei den Klappbänken habt ihr diese Flexibilität nicht. Hier müsst ihr eure Planung an die Bänke anpassen.
Universelle Klappbänke könnt ihr zum Beispiel bei Reimo kaufen:
https://www.reimo.com/de/D-camping_shop/DX-pilotensitz_sitzbaenke_sicherheitsgurte_drehkonsole/DXA-klappsitzbank/

Lobend hervorzuheben ist das System EVO3. Das kommt nämlich mit 3 Sitzplätzen und 2 Iso-FIX-Befestigungen daher. Günstig ist auch das nicht, hat sich in der Praxis aber bewährt.
https://www.summermobil.de/schlafsitzbank-evo-3.html

Wer etwas mehr Flexibilität haben möchte, kann auch noch tiefer in die Hosentasche greifen und sich für einen Schienensystem entscheiden um dann darauf fertige Klappsitzbänke zu montieren. Die Schienen werden auf den Boden geklebt oder geschraubt. Preislich ist eine Nachrüstung aber nur selten sinnvoll.

 

Reimo hat übrigens recht übersichtlich dargestellt welche Systeme für welche Fahrzeuge in Frage kommen. Bitte beachtet, dass die Tabelle längst nicht vollständig ist sondern nur das Reimo-Sortiment abbildet!

 

 

4. Einzelsitzsysteme

 

Ihr möchtet Einzelsitze in euren Ausbau integrieren? So bequem und so flexibel wie möglich? Meines Wissens gibt es dafür in Deutschland eigentlich nur einen ernst zunehmenden Hersteller.

Und das ist die Schnierle GmbH in Gersthofen:

https://www.schnierle.de/home-seating-systems.html

Schnierle bietet als Systemanbieter nicht nur eine große als Auswahl an verschiedensten Sitzen für ganz unterschiedliche Anwendungen, sondern auch das  zugehörige Montagezubehör.

Einfaches Stühlerücken mit flexiblen Montageschienen oder auch die schnelle Demontage für mehr Stauraum: Fast alles ist möglich.

Einbaupartner sind in ganz Deutschland zu finden, die sich dann auch gerne um die TÜV-Zulassung kümmern.

Ihr wollt lieber selber Hand anlegen? Dann gilt wie immer: Klärt euer Vorhaben besser so früh wie möglich mit den Zulassungsbehörden.

 

 

Beispiel Sicom 2 von Schnierle
Beispiel Sicom 2 von Schnierle

Weitere Infos gefällig?!

 

Wenn ihr gerade erst mit der Planung (oder auch schon mit dem Umbau) eures Vans gestartet habt, möchte ich euch noch ganz dringend einen unserer neueren Blogartikel ans Herz legen:

 

Aller Anfang ist leicht!

 

Hier findet ihr die Top-Internet-Adressen zu fast allen Themen rund um den Ausbau.

 

Im Zuge des Umbaus unseres Kastenwagens zu einem Wohnmobil habe ich mich sehr ausgiebig mit dem Thema beschäftigt und bin auch in so manche Falle getappt. Gerne lasse ich euch an meinen Erfahrungen teilhaben.
Nutzt dazu einfach die Kommentarfunktion weiter unten oder schreibt eine Mail an soeren@familyvan.de

 

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